Hand to Hand Foundation

Ich habe vor kurzem wieder einmal im Internet nach einer gemeinnützigen Organisation gesucht, bei der ich beteiligen kann. Die Auswahl ist nicht klein, allerdings ist es nicht immer so mein Fall. Die Kinderheime vermeide ich, da ich nunmal nicht wirklich viel Erfahrung mit Kindern habe und nicht weiß, was ich ohne Sprachkenntnisse dort soll.

Ins Auge gefallen ist mir dann die Hand to Hand Foundation. Ich habe spontan einfach eine Email geschickt und bekam prompt eine begeisterte Einladung.

So fuhr ich also mit dem lieben Bahtbus durch die ganze Stadt. Es dauert tatsächlich fast eine Stunde, wobei der Weg zur Haltestelle und das Umsteigen am meisten Zeit in Anspruch nehmen. Vor allem, weil man ja nie fragen kann, wohin der Pickup fährt, weil man dann direkt ganz verrückte Preise genannt bekommt. Aber das hatte ich ja schon einmal erzählt, gelle!

ich habe mir da ein tolles Gebäude vorgestellt und deshalb auch ewig gesucht, bis ich Gitarrenmusik und Kinderstimmen aus so einem Garagenladen hörte. Kurz geguckt, tatsächlich, da ist es!

Ich wurde auch ganz nett empfangen! Die Leiterin ist aus Australien und hat gemeinsam mit mehreren thailändischen Frauen so eine Art Kindergarten/Vorschule. Dienstag und Donnerstag geht es in mehrere Gefängnisse in Pattaya, wo den Gefangenen Nahrungsmittel, Wasser und Kleidung gegeben wird. Freitags geht es dann zu mehreren sehr armen Familien, die mit Nahrungsmitteln und Sachspenden unterstützt werden.

Die Organisation ist jedoch religiös ausgerichtet. Leider ein bisschen spinnert.

Wir stiegen in einen Sprinter ein, außer mir war noch eine amerikanische Familie dabei. Er ist offensichtlich Arzt, er hat ein Stethoskop um den Hals hängen. Das wirkt so affig. Turnschuhe, weiße Socken, amerikanische Shorts, kariertes Hemd, das alles ruft auf Kilometer „amerikanischer Tourist“, und dann hängt das Stethoskop so hip um seinen Hals.

Am Gefängnis angekommen, das lustigerweise genau neben dem elegantesten Einkaufszentrum liegt, halten wir an und jeder erhält ein Paket Nahrungsmittel und Wasser zum mitnehmen. Wir schleppen das Zeugs also in die Polizeiwache hinein. Das ist ein offensichtlich sehr gut bekannter Prozess, die Polizisten gucken nicht sehr interessiert.

Der Wärter hat einen wunderbaren riesigen Schlüsselring mit großen, dicken Schlüsseln daran, es sieht aus wie im Film! Jetzt ist dieses Gefängnis sicher auch nicht der Hochsicherheitstrakt, wie wir ihn aus dem amerikanischen Fernsehen kennen. Die Zellen sind in einem kleinen Raum mit winzigen Fenstern, darin ein Gang, links und rechts so eine Art Raubtierkäfig, in mehrere Zellen unterteilt.

Die Wände sind superhässlich, unverputzt, alles ist schmutzig. Die Temperaturen sind wie man sie halt erwarten kann, wenn nur ein paar Ventilatoren verzweifelt versuchen die Ausdünstungen von 20 Menschen zu verwirbeln. In den Zellen sind keinerlei Möbel, die Insassen sitzen allesamt auf dem Boden. Als Toilette dient ein Eimer und der ist mit einer kleinen Mauer abgeteilt.

Die Zellen sind aufgeteilt in: Frauen, Männer und Ladyboys. Über die erzähle ich Euch aber getrennt etwas, das sprengt gerade den Rahmen.

In der Herrenzelle liegt ein besoffener Russe auf dem Boden, der kriegt überhaupt nichts mit, der schläft seinen Rausch aus. Offensichtlich sind unsere russischen Freunde öfters mal dort, denn die Wände sind mit kyrillischen Schriftzeichen vollgekratzt.

Wir packen also unsere Taschen aus und geben jedem Gefangenen Wasser und ein belegtes Brot. Dem Russen stelle ich einfach eine Flasche Wasser neben die Hand, das Wasser wird er sicher noch brauchen!

Die Gefangenen sind sehr ruhig und gefasst. Viele von ihnen sind Kambodschaner. Das ist ein echtes Drama! Die thailändische Wirtschaft funktioniert wohl ein bisschen wie bei uns auch, es werden illegale Einwanderer für harte Arbeiten auf den Baustellen schwarz beschäftigt. Oft läuft es wohl so, dass die Menschen für Arbeiten angeworben werden, wenn es jedoch zur Bezahlung kommt, dann stellen die Arbeitgeber eine Anzeige wegen illegaler Einwanderung, die Arbeiter werden dann abgeschoben, ohne Anrecht auf ihr Geld zu haben.

Die kambodschanische Regierung stand sehr gut mit der Regierung unter Frau Yingluck, was dazu geführt hat, dass die thailändische Militärregierung verlauten ließ, die kambodschanischen Arbeiter seien in Thailand nicht mehr erwünscht. Dies führte zu einer regelrechten Massenflucht in Richtung Kambodscha und die Gefängnisse sind voll Menschen, die abgeschoben werden.

Deshalb sind die Zellen auch voll mit Frauen und Kindern, die ganzen Familien, die nun auf ihre Fahrt in Richtung Grenze warten. Sie haben nichts mehr, als die Kleidung auf ihrem Leib. Und die ist oft genug zerrissen und seit Tagen ungewaschen. Ein Frau sitzt zwischen den Zellen im Gang, weil sie einen 2 Monate alten Säugling hat und im Gang ist am meisten frische Luft von den Wandventilatoren, offensichtlich hatte man mit dem Baby Mitleid. Margie hat zum Glück auch ein paar Babysachen dabei, die Mutter freut sich sehr! Und ein paar Windeln, die begeistert angenommen werden.

Frau Mama benötigt aber selbst auch Kleidung und nun wird der Säugling herumgereicht, bis ich ihn dann bekomme. Frisch eingekleidet und gewindelt, immerhin. Der Doktor hat gerade mit ein bisschen Desinfektionsmittel die Wunden eines Gefangenen versorgt, sieht aus, als hätte der einen Abflug vom Moped hinter sich. Hände, Knie und Füsse sind böse ramponiert.

Hinter mir geht nun der schrille Teil der Aktion los. Margie beginnt zu beten. Ach je. Laut und lauter. Dann singt sie und tanzt. Die Amerikaner helfen auch noch tüchtig und ich merke schon, das sind wahrscheinlich Baptisten. Liegt mir nicht. Aber was bei mir auf so viel Ablehnung stösst, das finden die Thais und Kambodschaner voll lustig. Sie machen sogar mit! Margie beginnt einen Tanz, der am Ende mit der in Deutschland als Ententanz bekannten Peinlichkeit endet. Während ich mich massiv fremdschäme, nehmen die Asiaten diese Ablenkung dankbar an und ein paar machen richtig begeistert mit. Gut, vielleicht ist man nach einer Woche zu zehnt auf dem Boden sitzen, in einer Zelle der Größe eines kleinen deutschen Badezimmers, dankbar für jede Art von Unterhaltung.

Herr Doktor hat nun endlich auch ein Betätigungsfeld für das Stethoskop gefunden, er hört das Baby ab. Das ist aber genauso unbeeindruckt, wie alle hier! Mit welcher stoischen Kraft diese Menschen in ihren Zellen verharren. Das kann man jedoch von den beiden Engländern, die ich am Ende des Ganges dann noch entdecke, nicht sagen. Man sieht ihnen den Stress richtig an. Aber da die Amerikaner in der Ecke sind, bleibe ich lieber bei den Ladyboys und warte darauf, dass man mir das Baby wieder abnimmt.

Der Wärter öffnet lustig die Zellen, lässt die auch offen stehen, die Gefangenen kommen nun auch mal in den Gang, um sich in den Kleiderkisten umzusehen. Ist schon lustig, wenn die Asiaten sich mit der westlichen Mode konfrontiert sehen. Die Männer haben da ihren Spaß mit so mancher Modeverfehlung.

Ich bewundere das sehr, dieses offene Naturell! Ich würde in so einer Situation verzweifeln! Als dann der Letzte ein T-Shirt oder eine Hose gefunden hat, packen wir alles wieder sorgsam zusammen und machen uns auf den Rückweg.

Das war schon ein denkwürdiger Einstand. Ich mag dieses Singen, Tanzen, Bibelkreise, Handauflegen gar nicht. Das habe ich in den Südstaaten zur Genüge erlebt und empfinde es immer noch als ein wenig abwegig. Aber es sind halt fast nur religiös verankerte Menschen, die ihr Leben so gestalten, dass sie tatsächlich helfen. Also vielleicht doch lieber Baptisten als Kaffeekränzchen 🙂

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