Kuala Lumpur – Dining in the Dark

Diesmal ging es mit Renate und Michaela nach Kuala Lumpur. Michaela hatte im Vorfeld angerufen, Ihre Nichte, eine Flugbegleiterin würde 2 Stunden vor uns landen und ob wir Lust hätten, am gleichen Abend gemeinsam in ein Dunkelrestaurant zu gehen.

Das fand ich wunderbar, in Deutschland stand das lange auf meiner Wunschliste, aber es passte nie wirklich und so ging das unter! Dass der Faden in Kuala Lumpur so einfach aufgenommen werden konnte, war natürlich wunderbar!

Wir fuhren mit dem Taxi und ich war ganz erstaunt über die lebhafte Strasse, in der sich Bars und Restaurants zu einem bunten Lichterband vereinten. Der Taxifahrer fand auch den kleinen Eingang direkt.

Wir betraten das Restaurant und wurden an einen Tisch geführt. Ein wenig Small Talk und ein kleines Spiel: jede bekam ein Eimerchen mit Reis darin und wir sollten mit verbundenen Augen 4 Büroklammern finden, was tatsächlich zu einer aufwendigen, aber spassigen Aktion wurde.

Dann wurde ein Cocktail gereicht und wir sollten herausfinden, welche Früchte darin verarbeitet waren. Prinzipiell eine Herausforderung in einer Gegend, wo ich 90% der angebotenen pflanzlichen Lebensmittel noch nicht einmal vom Sehen kenne 🙂

Nun wurde uns unser Kellner und Betreuer für den Abend vorgestellt. Darius ist offensichtlich von Geburt an blind und ein ganz sanfter Mensch mit einer weichen Stimme. Er erklärte uns, wir sollten uns jeweils an einer Schulter des Vordermanns festhalten und ihm, wie in einer Polognaise folgen.

Im Zickzack ging es durch Gänge aus dickem Vorhangstoff und schon nach Sekunden sah man nichts mehr. Im Hintergrund ist ein leichtes Raunen zu vernehmen, aber in dem Raum ist absolut nichts zu sehen. So eine Dunkelheit gibt es sonst nur in Höhlen.

Als Darius stehenblieb, nahm er meine Hand und legte sie auf eine Stuhllehne. Ich setze mich, neben mir war eine samtbezogene Wand. Darius erklärte uns den Aufbau des Tisches und wir ertasteten unser Besteck, den Untersetzer für die Getränke und die Dimensionen unseres Umfeldes. Ich war sehr beeindruckt, dass binnen weniger Momente ein Gefühl von Orientierung enstand, ich hatte mir das komplizierter vorgestellt.

Es gab 4 Gänge, bestehend aus jeweils mehreren Gerichten. Diese wurden auf runden Holztabletts serviert, mit Vertiefungen für Schälchen, in denen dann die Speisen gereicht wurden. 4 Vorspeisen, 2 Suppen in Gläschen, 3 Hauptspeisen und 5 Desserts! Und jedes davon traumhaft! Wunderbar ist auch, dass wir in Malaysia keine Vorstellung hatten, was genau wir da bekommen würden. Gut, es konnte weder Rind- noch Schweinefleisch sein, aufgrund des hohen Anteils von Indern und Muslimen in der Bevölkerung, das war klar. Aber es fehlt eben das vertraute Geschmackskonzept, jedes Gericht war eine echte Unbekannte. Und jedes Gericht war toll! Die Portionen sind jeweils sehr klein, aber die Vielfalt der Gerichte war beeindruckend. Da man nicht optisch abgelenkt ist und nur der Geschmackssinn mitarbeiten kann, muss man sich einfach auf die Speise einlassen. Voll und ganz. Ich fand das wunderbar!

Der Umgang mit Besteck ist natürlich etwas schwierig. Wir bekamen nur Löffel und Gabel, wie hier ohnehin eher typisch, man muss üblicherweise in Asien nichts kleinschneiden. Ich nahm jeweils ein Schälchen in die Hand und ein Besteckteil in die andere. Das funktioniert auch sehr gut, mit Händen essen muss man wirklich nicht. Allerdings wurden wir vor Betreten des Restaurants zum Händewaschen explizit „geschickt“, man hat da wohl Erfahungen gesammelt.

Wir hatten großen Spaß beim Erraten der Zutaten und Geschmacksrichtungen. Wir hatten sogar Wetten am Laufen, denn wir waren alle sicher Mangoeis zu essen, nur Adina meinte, das könne nicht sein! Darius fand das offensichtlich ganz lustig, wir konnten sein sanftes Lachen hören, als wir fragten. Ich glaube, er hatte richtig Spaß daran zu erleben, wie wir uns in seiner Welt verirrten.

Um uns herum konnten wir dann die anderen Gäste wahrnehmen. Es wurde viel gelacht und sicher waren alle am Rätseln. Ich versuchte irgendeine weitere Vorstellung des Raumes zu bekommen. Wie groß der wohl sein mochte, wie hoch… Ich war da in einer kleinen Insel von Vertrautheit, der Tisch, der Stuhl, die Wand. Ich hörte meine Begleiterinnen, aber darüber hinaus ist nur Dunkelheit, so eine Art Nichts, die zwar nicht lauert, aber doch da ist.

Als Darius uns dann einzeln abholte und uns in Reih und Glied aufreihte, da überlegte ich schon, was wohl wäre, wenn ich einfach losließe. Und konnte wirklich viel besser verstehen, wie das für einen blinden Menschen ist, wenn seine Straße umgebaut wird. Dann ist die Vertrautheit fort und man steht im Nichts. Natürlich habe ich nicht losgelassen 🙂

Wir wurden auf eine kleine Terrasse geführt und es folgte etwas mehr Small Talk. Wir bekamen einen Fragebogen und konnten unser Erlebtes bewerten. Aber eigentlich wollten wir alle das Menü sehen! Meine Wette hatte ich glatt verloren, es war keine Mango, es war eine Stachelannone! Genau! So habe ich auch geguckt 🙂

Stachelannone

Die Damen am Empfang fragten, woher wir kämen und konnten recht viel deutsch. Als Small Talk fragte ich, wo sie das gelernt hätten und erfuhr daraufhin, dass der Eigentümer ein Deutscher sei, der die Idee mitgebracht und gemeinsam mit dem chinesischen Koch das Projekt hochgezogen hatte. Die Welt ist klein.

Auf jeden Fall war das ein beeindruckender Abend, mit kulinarischen Höhepunkten sondergleichen. Es hat mir sehr gefallen. Nächstes Jahr möchte ich mit Marc zum Thaipusam und dann kommen wir wieder.

Wenn Euch eine Geschenkidee fehlt oder Ihr einmal etwas Tolles erleben wollt, in den meisten Großstädten gibt es das, sucht einfach nach „Dunkelrestaurant“. Es ist zwar etwas teurer, aber der Aufwand ist weit höher als in regulären Restaurants und es ermöglicht Arbeitsplätze für Blinde. Einfach einen Wein weniger trinken 🙂

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s