Das Drama um die Straßenrestaurants

Wir erleben hier ja schon einige lustige Momente mit der Regierung.

Von dem Verbot des Transportes von Menschen auf Ladeflächen habe ich Euch ja schon erzählt. Das ist nun vom Tisch, das Thema taucht hier und da mal wieder in der Bangkok Post auf Seite 34 ganz hinten links auf, aber das interessiert nun auch niemanden mehr.

Die Bushaltestellen, die man hier einführen wollte, sind auch Geschichte. Hin und wieder sehe ich mal, wie bei einem Polizisten die Augenbrauen zucken, wenn ein Bahtbus mitten in der Straße kamikazemässig zum Fahrbahnrand zieht, um einen Gast auf- oder abzuladen, aber die Haltestellen sind gescheitert. Allerdings werden sie noch nicht zugeparkt, immerhin. Die Idee als solche war aber echt gut!

Nun ist man in Bangkok, warum auch immer, auf die Idee gekommen, dass die Straßenrestaurants weichen müssen. Ich nehme an, einer der hohen Herren war mal übers Wochenende in Singapore und möchte es nun in Bangkok auch so hübsch haben.

Verrückt. Als wäre Thailand ohne Straßenrestaurants denkbar!

Natürlich schimpft man über sie. Die Gehwege stehen voll mit den Ständen, Wägelchen und wackeligen Tischchen. Ja, ich beäuge immer wieder die Wanne mit wabernder, kochender Fettbrühe, in der frittiert wird und hoffe, dass sie nicht kippt. Wer ist hier noch nicht hustend, keuchend, mit tränenden Augen gestanden, weil man in eine dampfende Wolke aus Chilirauch gelaufen ist.

Es ist so, die Gehwege sind von den Straßenrestaurants belegt. Die Kunden verengen den Durchgang dann endgültig. Ich laufe meistens auf der Straße, das geht schneller und nervt nicht so.

Klar, ich schimpfe darüber. Es geht mir manchmal so auf die Nerven, man kommt nicht voran, es ist ohnehin schon heiß genug, dann noch der Kochdampf, der Geruch, das Gedrängel und ständig stolpert man, weil man die Löcher im Gehweg nicht sehen kann, ist ja alles voller Füße und Müll und streunender Hunde.

Aber das ist Thailand. Genau das ist Thailand. Wie kann man Bangkok der Straßenrestaurants berauben wollen? Das ist der Flair, der Zauber, das Wunderbare!

Vor allem in Bangkok. Eine der schlicht unattraktivsten Städte der Welt. Man muss das ja mal so sagen. Wenn man den Königspalast und ein paar der tollsten Tempel gesehen hat, dann ist da nichts, überhaupt nichts, was man erleben oder angucken könnte.

Die Garküchen geben der Stadt Charakter, machen sie zum Abenteuer, zum bunten, fast unwirklichen Schauplatz exotischen Treibens. Wer beachtet die hässlichen, grauen, schutzigen Fassenden ödester Architektur, wenn auf Schritt und Tritt Köstlichkeiten mit Namen wie Pad Thai, Tom Yam, Khao Ka Mu oder echten Zungenbrechern wie Khanom chin kaeng khiao wan kai auf Kunden warten?

Der Wok wird mit Nudeln gefüllt, der Löffel rast förmlich durch die vielen Dosen, gefüllt mit Gewürzen, Kräutern, Salz, Zucker, Chili, Pülverchen und dem unvermeidlichen Glutamat. Die Chilis locken in rot, gelb oder grün, in allen denkbaren Schärfegraden. Unter dem Wok zucken Flammen hervor, stechender Qualm füllt die Straße. Kokosfett riecht, der Chili kocht und dampft, das Gemüse zischelt kurz, bevor es abgelöscht wird, und binnen Minuten hat man ein Schälchen wunderbar duftenden Irgendetwas vor sich.

Jede Lücke, jede Ecke wird von Garküchen belegt. Alte, kaputte Telefonzellen verwandeln sich in Kochnischen. Bushaltestellen, Regenunterstände, 50 cm zwischen den allgegenwärtigen Betonpfeilern, an denen hunderte von Stromkabeln entlanglaufen, alles, alles ist lebendig und wird genutzt. Und das soll verschwinden?

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Die Medien laufen Amok.
Nach ein paar Jahren im Land ist man da entspannter. Wirklich. Kein Grund zur Sorge!

Man geht davon aus, dass alleine in Bangkok um die 400.000 Garküchen existieren. Nur in Bangkok! Man stelle sich den Spaß vor, wenn alle diese Menschen ohne Arbeit wären!

Zudem kochen sehr viele Thailänder gar nicht mehr selbst. Wozu auch? So ein Essen kostet zwischen 1 – 4 Euro und ist wirklich gut. Die Versorgungslage der Stadt sähe bedenklich aus, wenn sich dies quasi über Nacht ändern würde.

Tatsächlich ist es für die Regierung schwierig. Die Garküchen verursachen ein ziemliches Chaos und als moderne Großstadt (hahaha…) möchte Bangkok sich etwas geordneter darstellen. Seit Jahrzehnten versucht man hier Ordnung zu schaffen. Eine Sisyphusaufgabe.

Der Traum der Regierung wäre es, wenn all die Garküchen in gesonderten Arealen wären. So hübsch, in Reih und Glied. Es kam die Idee von einer Art normierten Wägelchen, das fest steht. So, wie bei uns auf dem Weihnachtsmarkt. Am besten noch mit einer Nummer dran, in farblich markierten Sektoren. Aber das würde Miete kosten. Und das kann in Bangkok keiner zahlen. Die meisten Garküchenbesitzer leben ohnehin nur von der Hand in den Mund.

Nun ja, ein, zwei Straßen wurden zwangsbereinigt, die Brutzelbuden haben sich ein paar Gassen weiter verzogen und wieder aufgestellt. Dort kann man nun gar nicht mehr laufen, aber sicher muss man nur ruhig abwarten. Demnächst ist das auch vergessen, so wie das Transportverbot oder die Haltestellen.

Man freut sich natürlich darüber, dass die Regierung Verbesserungen einführen möchte. Und mit den Garküchen haben sie ja auch ein zentrales Problem ausfindig gemacht. Immer wieder schön, der Aktionismus. Erstaunlich, dass die Ziele immer die Armen treffen, nie die Reichen. Und beruhigend, dass man in Thailand gerne erzählt und dann in der Hitze des Tages vergißt, über was man gesprochen hat.
Echte Probleme hat das Land schließlich nicht, oder?

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