Alles neu im Reich der Mitte

Unser Hobby ist ja immer gut für eine Stadtführung. Diesmal hatte ich mit einer lokalen Cacherin ausgemacht, dass wir ihre Caches ersetzen, da einige fehlten und sie in Shenzhen arbeitet.

Das war eine super Sache. Caches liegen ja immer bei den Sehenswürdigkeiten und so legten wir los. So kommt man quer durch die ganze Stadt und sieht auch mal wieder neue Ecken.

Zuerst jedoch fuhren wir zu einem CD-Laden, bei dem wir früher Stammgast waren.

In Xi’an gibt es mittlerweile 3 U-Bahnlinien. Überhaupt, was sich da in den letzten Jahren getan hat! Unglaublich!

Die Leute sind so gesittet. Sie haben gelernt in Schlange zu stehen! Ja, meine Damen und Herren, es ist passiert: das lebhafte Völkchen wartet geduldig! In Reih und Glied. Wir konnten es gar nicht fassen!

Und, hier kommt die nächste Sensation: Autos halten an Zebrastreifen an! Damals waren das nur so seltsame Linien, die auf dem Asphalt erschienen, aber jetzt halten die kleinen Rennfahrer sehr diszipliniert an. Ich war fast enttäuscht 🙂

Nun ja, Marcs Laden war nicht mehr da, dort stand ein völlig neuer Gebäudekomplex. Außerdem ist Xi’an, das damals mit 4 Millionen Einwohnern bei Chinesen als Dorf klassifiziert wurde, auf mittlerweile fast 9 Millionen angewachsen. Vielleicht zählt es jetzt als Kleinstadt? Man weiß es nicht.

Dennoch ist Xi’an eine wunderschöne Stadt, für mich jedenfalls. Die lieben Bauerngesichter sind nun nicht mehr in dem einheitlichen Blau gekleidet, obwohl man das auch noch sieht. Aber die meisten Menschen würden in Stuttgart, Hamburg oder Berlin als gut gekleidet durchgehen. Schick sind sie geworden, die Shaanxi Ren, die Leute aus der Provinz Shaanxi. Und Geld haben sie. Selbst hier ins Hinterland hat sich der neue Reichtum ergossen.

So liefen wir die Hauptstrasse entlang, vorbei an Läden von Gucci und Co., bis wir gelangweilt in die Parallelstraße abbogen, dort, wo die Nudelrestaurants mit handgezogenen Weizennudeln, Rindfleischsuppen, Lammfleischspießen und anderen, ach so wunderbaren Leckereien lockten!

Es gibt kaum noch die alten dreirädigen Wägelchen, die Sanlenche, die lautstark durch die Gassen rumpelten. Man hat alles auf Elektromotoren umgestellt. Elektrofahrräder, Elektromopeds, Elektrobusse. Man hört auch nichts mehr.

Und es gibt kaum noch Leute auf der Straße. Meine Güte ist das leer. Kaum Verkehr, kaum Menschen. Sie haben wohl nun alle Arbeit, wohnen nicht mehr in der Stadtmitte und der öffentliche Verkehr wurde so ausgebaut, das ein eigenes Auto wohl für die Meisten keinen Sinn mehr macht.

Außerdem gibt es überall Fahrradmietstationen. Man braucht nur eine App, mit der kann man das Schloss eines Fahrrades öffnen, fährt mit dem Rad wohin man will, stellt es dort ab und das Schloß schließt sich wieder. Die App zieht auch sofort das Geld ein.

Denn, während wir alle von der digitalen Zukunft sprechen, hat man in China diese bereits zum Teil eingeführt. Die Leute zahlen bargeldlos, sie öffnen eine App, zeigen einen Barcode, der wird eingescannt, man schaut nochmal auf die App, ob der Preis stimmt und kann mit einem Tastendruck die Bezahlung freigeben. Das Ganze basiert auf einem Einzahlungsprinzip, man lädt eine gewisse Summe auf diese App, nur über diese kann verfügt werden. Damit ist man auch bei Verlust des Handys vor Mißbrauch geschützt.

Ja, Leute. Hier sind wir in einem völlig modernen China, einem, das sich wieder neu erfunden hat.

Die Sensation war jedoch der blaue Himmel. Seit Tagen versuche ich mich zu erinnern, ob in den 3 Jahren der Himmel jemals so blau war. War er es? Gestern konnten wir den Mond hell und klar am Himmel stehen sehen. Und niemand guckte oder zeigte mit den Fingern darauf.

Vor 10 Jahren wurden an solchen Nächten, die es jedoch nur sehr selten gab, auf mitteralterlich anmutenden Wägelchen die großen Teleskope aus der Uni geholt und am Stadttor auf den Mond gerichtet. Dann kamen die Alten mit ihren Enkeln und die Kleinen durften den Mond angucken, während die Großeltern von der Zeit erzählten, als man den Mond und die Sterne immer angucken konnte. Das war wunderbar und rührend zugleich, ein wenig wehmütig machte es mich, wenn ich sah, wie man versuchte den Kindern die Welt zu erklären. Wie schön dennoch, dass dies nicht mehr nötig ist.

Vielleicht hat man die Brandrodung im Herbst verboten. Die kleinen Holzkohleöfen, die aus einem Kübel bestanden, in dem ein Brikett brannte, über dem man sich die Hände wärmen konnte, die sind verschwunden. Marc meint, dass man die auf dem Land noch finden wird, das mag sein, aber hier in der Stadt sind sie völlig entfernt worden.

Aber hier in der Seitenstraße sind wenigstens noch die alten Leute, die draussen auf der Gasse, vor ihren Häusern in Gruppen sitzen, Mahjong oder Go spielen und jede Menge Freude daran haben. Die Enkelchen sitzen auf dem Schoß, Großvater hat eine Zigarre im Mund und erzählt lautstark in dem breiten lokalen Dialekt einen Witz, über den dann alle gemeinsam lachen. Nichts hat sich daran geändert! Viele Stunden sind wir schon damals durch die Straßen gelaufen und hatten einfach nur Spaß den Menschen zuzusehen. Ein so nettes Völkchen, diese Shaanxi Ren! Das ist geblieben.

 

 

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